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Mit Reframing schwierige Situationen leichter machen


Die Bedeutung, die ein Ereignis oder ein Verhalten für uns hat, hängt vom Kontext ab, in dem wir es sehen. Wenn wir eine neue Perspektive einnehmen, können wir ein Problem anders sehen und umdeuten. Im Coaching, wo ein Wechsel des Blickwinkels häufig sehr hilfreich ist, nennt man dies Reframing (von englisch «frame», also Rahmen). Wir geben dem Bild also einen neuen Rahmen und es sieht anders aus und verändert seine Wirkung. Damit werden neue Reaktionen auf das Problem möglich. Reframing ist der Prozess einer neuen Interpretation, mit der ich besser mit dem Problem umgehen kann. Gerade in einer schwierigen Situation kann es uns schwer fallen, unseren Blickwinkel zu verändern. Heute zeige ich Dir, wie Reframing anhand der Frage "Warum?" funktioniert und wie mich das mit einer meiner lästigen Pflichten versöhnt hat: dem Putzen.


Ich MUSS putzen!

Am Samstagmorgen putze ich meistens. Mein Mann und ich haben keine Putz- oder Haushaltshilfe, wir haben die Aufgaben des Haushalts aufgeteilt – sofern möglich entsprechend unseren persönlichen Vorlieben. Putzen war für mich schon immer ein notwendiges Übel und ich muss zugeben, dass ich als Single eine hohe Toleranzschwelle hatte was den Verschmutzungsgrad meiner Wohnung anging. Jetzt als Mutter ertrage ich den Anblick von staubigen Regalen, Flusen- und Haarknäuel (unsere 2 Hunde sind wegen der Sommerhitze aktuell viel drinnen) und flächendeckendem Krümelbelag viel schlechter. Ich übernehme einmal wöchentlich das Staubsaugen und Boden aufnehmen, was bisher meistens in etwa so verlief: Nachdem ich - gefühlt oder tatsächlich - eine Stunde lang Puzzleteile, Autöli und sonstige zu Spielsachen umfunktionierte Haushaltsgegenstände an ihren Platz zurückräume, treu begleitet vom Knirschen der erwähnten Brösmeli unter meinen Schuhen, wird meine Miene zunehmend grimmiger und ich beginne abwechselnd innerlich zu seufzen oder vor mich hinzufluchen. Ich denke daran, dass innerhalb weniger Stunden die Wirkung meiner Putzaktion wieder weitgehend verflogen sein wird. Und ein weiterer Gedanke drängt sich auf: Statt dazu verdonnert zu sein, hier gegen Staub und Unordnung zu kämpfen wie Don Quijote gegen die Windmühlen könnte ich meine Zeit so viel besser nutzen – für die Arbeit, als Me-Time, es gäbe so viel Wichtigeres und Angenehmeres als dieses Putzen. Meine Gedanken liessen mich das Putzen als notwendiges Übel wahrnehmen, das sich extrem zäh anfühlt und in die Länge zieht. Bis mir letztens ein Satz aus dem Buch von Karin Kuschik* einfiel: Müssen ist wie Wollen, nur freiwillig.


Müssen ist wie Wollen, nur freiwillig - die Frage nach dem Warum

Dieser Satz und die Erklärung dazu sind mir im Gedächtnis geblieben. Das Verb «Müssen» drückt Zwang aus. Wenn wir etwas tun müssen, können wir nicht, wie wir wollen. Dann sind wir Opfer der Umstände, die nicht selbstbestimmt das tun, was sie wollen. Schon allein die Formulierung «Ich MUSS putzen» löst einen gewissen Druck und Stress aus. «Ja gut», wirst Du jetzt denken, «aber wir haben ja nicht immer die Wahl». Stimmt. Gleichzeitig glaube ich, dass wir uns viel öfter dazu entscheiden können, etwas tun zu wollen, als wir glauben. Nämlich indem wenn wir unser Problem einem Reframing unterziehen und uns fragen: «Warum muss ich das tun?»

Sehen wir uns mein Thema mit dem Putzen an:

Ich muss putzen und aufräumen.

Warum?

Weil ich es mir vorgenommen habe, regelmässig zu putzen und wir es so abgemacht haben.

Warum?

Weil es mir wichtig ist, dass unser Zuhause schön, sauber und aufgeräumt ist.

Warum?

Ich will, dass wir uns wohl fühlen und wir uns nichts einfangen. Damit der Kleine sicher spielen kann.

Warum?

Weil mir Sauberkeit, Sicherheit, Geborgenheit und verantwortungsvolles Handeln wichtig sind.


Reframing – Weg vom äusseren Zwang hin zu mehr Selbstbestimmung

Mit der Frage nach dem «Warum» komme ich weg vom Zwang, putzen zu müssen hin dazu, was mir wichtig ist. Hinter dem Putzen steht mein Wunsch nach einem schönen Zuhause für mich und meine Familie und dahinter wiederum stehen meine Werte. Ich kann also sagen: Ich putze, weil ich möchte, dass wir uns wohl fühlen und wir es schön haben im Haus. Diese neue Sichtweise durch das Reframing fühlt sich viel angenehmer an als das Gefühl, zum Putzen gezwungen zu sein, denn die Haltung zum Putzen ist eine andere. Ich entscheide mich dafür, zu putzen, weil es zu einem Ziel führt, das mir wichtig ist. Die Zeit und die Energie, die ich ins Putzen investiere, sind der Preis dafür, dass das Haus sauber und ordentlich ist. Ausserdem liegen so viele Spielsachen herum, weil ich bis zu einem gewissen Grad zulasse, dass mein Sohn sie im ganzen Haus verteilt, weil a) er unmöglich zu stoppen ist und b) weil ich es wichtig finde, dass er entdecken und experimentieren kann – viel wichtiger als dass eine perfekte Ordnung herrscht. Deshalb nehme ich Unordnung und Bananenmatsch auf dem Teppich in Kauf, bis meine Schmerzensgrenze erreicht ist – literally! Puzzleteile aus Holz sind extrem rutschig! 😊. Wenn ich das Putzen so betrachte, finde ich plötzlich, dass die Zeit, die ich dafür aufwende, gar nicht schlecht investiert ist. Natürlich gibt es ganz viele angenehmere Tätigkeiten. Aber mit Raumpflege für ein Wohlfühl-Zuhause zu sorgen scheint mir ziemlich sinn- und wertvoll, selbst wenn die Wirkung nur kurze Zeit anhält. Aber hey, so ist das Leben, wir leben schliesslich nicht im Museum.


Empfehlungen zum Reframing von «Müssen»

Karin Kuschik empfiehlt, alle eigenen Sätze, die mit «Ich muss» und «Ich kann nicht» beginnen, zu hinterfragen. Sowohl die laut formulierten als auch die, welche wir uns selbst sagen. Oft sind sie nämlich nicht wahr. Sie entspringen häufig negativen Gefühlen und alten Gedankenmustern. Diese Sätze zu hinterfragen und zu reframen, kann uns Klarheit und Entspannung bringen.

«Müssen» taucht oft auf, wenn wir viel Druck empfinden. Wenn Du viel mit «müssen» formulierst, frage Dich, was gerade wirklich fehlt: Ist es Zeit für eine Pause? Ein herzhaftes Lachen? Tief durchatmen? Überblick verschaffen? Oft hilft es, einen Schritt zurückzutreten und das «Müssen» zu hinterfragen, anstatt uns damit noch mehr Druck zu machen.

Putzen wird nie eine meiner Lieblingsbeschäftigungen gehören. Aber ich kann es jetzt durch das Reframing aus einem neuen Blickwinkel sehen und selbstbestimmt sagen: Ich putze freiwillig, weil mir das Resultat wichtig ist. Ich versuche nun allgemein, weniger zu «müssen» und mehr zu «wollen». Meine Verpflichtungen bleiben bestehen, aber das Gefühl, mit denen ich sie erledige, ist ein anderes. Ein leichteres, ein freieres. Und mehr Freiheit zu haben fühlt sich gut an.



Hast Du Fragen, Anmerkungen oder Kritik? Schreib's mir gerne in die Kommentare.



*"50 Sätze, die das Leben leichter machen", Karin Kuschik, 2022, Rohwolt Verlag

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